Es ist lobenswert, dass das Thema Fürsorge und Zwangsmassnahmen immer wieder aufgegriffen wird.
Bei Berichten über frühere Missstände frage ich mich immer: Und wer schaut heute hin, im Hier und Jetzt? Wo geschieht heute – auch von Staates wegen – Unrecht? Wer kämpft heute für jene, die keine Macht haben?
Ich denke beispielsweise an Kinder, die mit ihren geflüchteten Eltern in unterirdischen Asylunterkünften leben müssen (so passiert im Kanton Aargau). Oder an Kleinkinder, die mit Müttern aufwachsen, die isoliert oder versteckt leben müssen.
Womöglich wird man in 30 Jahren ihre Klagen hören und ihre Bücher lesen, weil ihr Start ins Leben so schwierig war. Genau dann, wenn alles längst Vergangenheit ist und die Schuldigen nicht mehr belangt werden können. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen - mit anderen Vorzeichen …
Weder die Demokratie noch der liberale Rechtsstaat verhindern, dass Unrecht geschieht, dass Schwächere unter die Räder kommen und Minderheiten ausgegrenzt werden. Das zeigt die Geschichte zur Genüge, nicht nur jene der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Verfolgung der Jenischen.
Ich glaube ebenfalls, dass in einigen Jahrzehnten, wenn die Zeit reif ist, die Situation minderjähriger Geflüchteter oder auch der letztlich auf unbegrenzte Zeit inhaftierten Straftäter (verurteilt nach Strafgesetzbuch Art. 59), die ihre Strafe längst abgesessen haben , wissenschaftlich untersucht werden und der Staat sich bei ihnen entschuldigen wird.
Und wann ist die Zeit reif? Wenn eine Gruppe sich Gehör verschaffen kann, wenn sie genügend Fürsprecherinnen und Fürsprecher findet, wenn der gesellschaftliche und politische Druck gross genug wird. Es ist paradox: Heute entschuldigt der Staat sich bei Gruppen, denen er Unrecht zugefügt hat, und zugleich fügt er weiteren Gruppen Unrecht zu. Ja, die Geschichte scheint sich manchmal zu wiederholen. Dass sie eine Lehrmeisterin für das Leben sei, wie die Römer glaubten (Cicero: «Historia magistra vitae»), stimmt kaum je.